Die totale Überwachung im digitalen Zeitalter:

„Ich, dein großer analoger Bruder, sein verfickter Kater und du“

Saarbrücken. Eine Krux ist es schon mit dieser Rezension. Denn eigentlich dürfte es sie nicht geben. Warum? Nicht nur die vier Mitbewohner, die Hauptakteure des Stückes „Ich, dein großer analoger Bruder, sein verfickter Kater und du“, müssen neuen Regeln zustimmen, auch das Publikum in der Alten Feuerwache in Saarbrücken muss sich darauf einlassen. Und zu diesen AGB gehört nun einmal, die Anonymität zu wahren – was für die Zuschauer bedeutet, dass sie nichts von dem, was auf der Bühne geschieht, nach draußen tragen dürfen. Im Gegenteil sollen sie alles, was sie erfahren haben, bei Verlassen des Theaters wieder vergessen. Alles andere falle unter Strafe. Welche Last für die Rezensentin, die sich verpflichtet fühlt, dennoch ein paar Worte über die Inszenierung von Regisseurin Marie Bues zu verlieren.

Das Stück ist mit Barbara Behrendt, Yevgenia Korolov, Cino Djavid und Niko Eleftheriadis perfekt besetzt. Sie verkörpern die vier Mitbewohner, die sich zu Stückbeginn die Frage stellen, wer ER ist (ein Couchsurfer, ein Verwandter?) und wie ER plötzlich nicht nur Einzug in die WG, sondern Einfluss auf ihr ganzes Leben nehmen konnte. Warum ist ER da, obwohl IHN keiner kennt? Schnell sind sie sich einig, ER ist „so etwas ähnliches wie dein großer Bruder“ und: „ER weiß alles!“ Anfangs ist das Quartett von den Aufmerksamkeiten, die ER, der große Bruder, ihnen zuteilwerden lässt, angetan; tut es doch gut, von ihm umsorgt zu werden und beispielsweise die Lieblingszeitschriften termingerecht zu bekommen oder die To-do-Liste für die nächste Party vorbereitet zu kriegen. Wie zuvorkommend von IHM! Wäre da nicht der Kater, der den WG-Frieden mit seiner Aufdringlichkeit und seinem unverfrorenen Starren massiv stört. Seine Taktlosigkeit, beim Geschlechtsverkehr zweier Bewohner nicht das Schlafzimmer zu verlassen, stößt auf große Irritationen. Eine Bewohnerin fasst ihr Unbehagen schließlich in Worte: „Irgendetwas stimmt hier nicht!“

Felicia Zellers Stück beschreibt die „schleichende Transformation des Alltags in eine allgemeine Kontroll-, Verhör- und Überwachungssituation.“ Zentral ist die Frage: Wie viel geben wir – mehr oder minder freiwillig –  von uns preis? Letztlich ist nichts in den Weiten des World Wide Web kostenlos: Wir zahlen mit unseren (persönlichen) Daten. So ist unsere Gegenwart bizarr und wahr zugleich: Wir schätzen und lieben die Möglichkeiten, die uns das digitale Zeitalter bietet, und verteufeln es, weil es uns in Abhängigkeiten stürzt und unsere Autonomie untergräbt – von unserer Privatsphäre mal ganz zu schweigen. Big Data ist allgegenwärtig, was mit dem Verlust unserer Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte einhergeht. Anders als in George Orwells Dystopie „1984“ von 1949, in der die Menschen wider Willen von einem diktatorischen Regime überwacht werden, sind wir heute erschreckenderweise bereit, uns selbst sehr gläsern zu machen. „Big Brother is watching you!“, und dem Mantra der Transparenz folgend lassen wir es zu.

So ergeht es auch den Mitbewohnern. Sie erfreuen sich an den Annehmlichkeiten und Vorteilen, die ER mit sich bringt, und beginnen IHN zu hassen, als er die persönlich gesetzte Grenze überschreitet. Zudem stellt sich die immerwährende Frage: „Können wir IHM vertrauen?“ Felicia Zellers Stück regt zur Reflexion über die digitale Zeit und unsere eigene Mediennutzung an, es ist wortgewaltig, kurzweilig und in einem flotten Tempo inszeniert, das die Zuschauer bis zum Ende mitreißt. Nachdenklich bleiben sicherlich viele Gäste am Ende zurück – verunsichert auch von den überdimensionalen Mikadostäben, die bedrohlich auf sie gerichtet sind. Eine unheilvolle Verheißung? Oder eine Reminiszenz an vergangene analoge Tage?

 

Saarländisches Staatstheater Saarbrücken  Spielzeit 2016/17 Ich, dein großer analoger Bruder, sein verfickter Kater und du von Felicia Zeller Inszenierung: Marie Bues Bühnenbild und Kostüme: Indra Nauck 
Dramaturgie: Bettina Schuster-Gäb Ein Auftragswerk in Koproduktion mit dem Theater Rampe Stuttgart Premiere am Sonntag, 6. November 2016 in der Alten Feuerwache Mit: Yevgenia Korolov Cino Djavid  Barbara Behrendt Niko Eleftheriadis  

Saarländisches Staatstheater Saarbrücken  Spielzeit 2016/17 Ich, dein großer analoger Bruder, sein verfickter Kater und du von Felicia Zeller Inszenierung: Marie Bues Bühnenbild und Kostüme: Indra Nauck 
Dramaturgie: Bettina Schuster-Gäb Ein Auftragswerk in Koproduktion mit dem Theater Rampe Stuttgart Premiere am Sonntag, 6. November 2016 in der Alten Feuerwache Mit: Yevgenia Korolov Cino Djavid  Barbara Behrendt Niko Eleftheriadis  

Saarländisches Staatstheater Saarbrücken  Spielzeit 2016/17 Ich, dein großer analoger Bruder, sein verfickter Kater und du von Felicia Zeller Inszenierung: Marie Bues Bühnenbild und Kostüme: Indra Nauck 
Dramaturgie: Bettina Schuster-Gäb Ein Auftragswerk in Koproduktion mit dem Theater Rampe Stuttgart Premiere am Sonntag, 6. November 2016 in der Alten Feuerwache Mit: Yevgenia Korolov Cino Djavid  Barbara Behrendt Niko Eleftheriadis  

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